Su Duydum (Wasserrauschen)

Hasan Severs zweiter Roman schildert die Zusammenkunft zweier Menschen – einst ein Paar – nach 18-jähriger Trennung.

Ferdi musste die Türkei wegen seiner politischen Aktivitäten verlassen und ging nach Zürich, um dort sein Ingenieursstudium abzuschließen. Seither führt er ein zurückgezogenes Leben, in dem es keine Revolten mehr gibt. Kein einziges Mal in den 18 Jahren macht er sich auf den Weg in sein Heimatland, obwohl er keine rechtlichen Konsequenzen mehr zu befürchten hat. Doch wir begreifen, dass Hindernisse nicht immer rechtlicher Natur zu sein brauchen.

Feride hingegen blieb in Ankara. Ihr Leben verlief so ereignisreich und interessant, dass es allein schon ein Buch füllen könnte. Doch tatsächlich spüren wir ihre interessante Geschichte nur zwischen den Zeilen. Es scheint so, als enthielte der Erzähler sie dem Leser bewusst vor.

Das Wiedersehen von Feride und Ferdi in Zürich findet auf der ETH-Terrasse statt, von wo aus man die Stadt überblickt. Mit diesem Treffpunkt knüpfen die beiden an ihre erste Begegnung im Park einer Universität in Ankara an. Die Zürcher Begegnung könnte ein zweiter Anfang sein und leitet den Bericht über die beiden gemeinsam verbrachten Tage ein.

Der Roman trägt sich also in Zürich zu und beschreibt an verschiedenen Stellen die Orte, Plätze und Straßen so eingehend, dass die Bilder wie von einer Kamera festgehalten scheinen, die unsere beiden Helden beobachtet.

Die Hauptfigur ist Feride. Sie hat gelebt, ist vom Leben gezeichnet, erschöpft, müde – denn das ist der Preis des intensiven Lebens. Für Ferdi aber wirkt die Zeit wie stehen geblieben an dem Tag, als er sein Land verließ und der für ihn einen Wendepunkt bedeutete: das Ende eines Lebens, der Beginn eines neuen. Feride ist an ihrem Leben gewachsen, gereift, aber auch gealtert, während Ferdi im Alter von zwanzig Jahren stehen blieb.

„Wenn ich ins Gestern zurückkehre, transportiert mich die Zeit dann ins Morgen?“

Ferdis Frage zeigt die Hilflosigkeit des Geflüchteten angesichts der Kontinuität der Zeit. Das Bedürfnis, in die Vergangenheit zurückzukehren, spiegelt die Sehnsucht des Emigranten, doch die Zeit bleibt nicht stehen, die Vergangenheit ist längst vergessen und vorüber.

„Um das Leben zu bewältigen, muss man wohl das Leben selbst sein.“

Feride beantwortet Ferdis Frage nur indirekt. Im Roman ist Ferdi der Fragende, während Feride für die Antwort steht. Denn sie hat gelebt, und zwar um jeden Preis, sie steht mit beiden Füßen mitten im Leben.

Der dritte und letzte Teil des Romans ist eine Schifffahrt. Was wie eine kleine Rundfahrt über den Zürichsee aussieht, symbolisiert tatsächlich die Erzählung, die sich aus der Gesamtheit der Einzelgeschichten zusammensetzt, und schließlich unsere ganze Welt an sich. Die Nebenstränge, welche in die Geschichte der beiden Personen einfließen, sind wie Flüsse, die einen See, ein Meer speisen. Wenngleich aus allen Teilen der Welt Existenzen in den See fließen, um in der Schweiz einen sicheren Hafen zu finden, zeigt der Suizid eines Schweizers in einem der Handlungsstränge, die die Haupthandlung speisen, wie relativ ein sicherer Hafen auf dieser Erde ist.

Als die Schifffahrt endet, hat sich längst nicht alles aufgelöst, nicht alle Fragen liegen auf dem Tisch. Der Leser ist nun einzig und allein über Ferides und Ferdis Geschichte im Bilde. Diese Situation wird in einem Ausspruch Ferides erläutert:

„Literatur ist kein Zurschaustellen von Geschichten, Literatur erzählt einem die Geschichte eines anderen.“

Der Erzähler bleibt diesem Wort treu, das er seiner Heldin in den Mund gelegt hat. Er entblößt seine beiden Personen in der Erzählung nicht, sondern beschränkt sich für den Leser lediglich auf die Schilderung. Daher bleibt auch das Ende des Romans offen. Welches Ferides „besondere Situation“ ist bzw. welcher Grund sie nach langen Jahren hin zu Ferdi führt, bleibt der Vorstellungskraft des Lesers überlassen.

Wasserrauschen ist keine Liebesgeschichte, die bekannten Schemata folgt. Die Geschichte wirkt bei der ersten Lektüre ruhig und unaufgeregt, thematisiert jedoch unaufdringlich, verborgen hinter einer Liebesgeschichte, den Einfluss einer Gegend, eines Landes auf das Leben.

Letztendlich ist Wasserrauschen ein nach innen gerichteter Schrei.

  • Titel: Wasserrauschen – Su Duydum
  • Art: Roman
  • Verlag: Ayrıntı Yayınları, İstanbul-Türkei
  • Erste Auflage: 2017
  • Seitenzahl: 192
  • Sprache: Türkisch
  • ISBN: 978-605-314-171-6

Offizielle Weblink: Su Duydum – Ayrıntı Yayınları